Bildbetrachtung Michael

Dreipass "Michael der Seelenwäger" im Chor der Michaelskirche Heiningen

Michael der Seelenwäger

Auf dem ersten Dreipass im Sternengewölbe der Michaelskirche findet sich der Engel Michael. Er hat unserer Kirche den Namen gegeben. In einer Hand hält er ein Schwert, in der anderen eine Waage mit zwei Schalen. In der einen Waagschale sitzt eine kleine Gestalt: eine Seele, im Mittelalter oft als Kind dargestellt. In der anderen Waagschale liegt ein schweres Gewicht, außerdem versucht ein Dämon oder Teufel, sich dranzuhängen und die Waage nach unten zu drücken.


Dieses Motiv, die Seelenwaage, findet sich in vielen Religionen: Es ist ein altes Symbol des Gerichtes und der ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits. Gute Taten, kleine oder große Sünden werden auf die Waagschale gelegt. Wenn das Schlechte überwiegt: verfehltes Leben, wenn das Gute überwiegt: geglücktes Leben, verewigtes Leben. Unser Bild ist ein pädagogisches Bild: Der erhobene Zeigefinger ist mitzuhören. Unsere Altvorderen wollten eine Botschaft übermitteln: Es ist noch nichts entschieden. Du hast es in der Hand, dein Leben zum Guten zu wenden. Lebe dein Leben so, dass du im Rückblick sagen kannst: Es war erfülltes Leben für mich und miteinander. In einer alten Handschrift heißt es: Du sollst des Guten viel und des Bösen wenig tun.


Der Erzengel Michael wird in der Kunst sehr verschieden dargestellt, als Bezwinger Luzifers, als Drachenkämpfer und Seelenwäger. Bei uns in Heiningen trägt er ein Schwert. Damit soll verdeutlicht werden: Er ist der Wächter des Paradieses, "praepositus paradisi". Ich mag eigentlich keine Engelsgestalten mit Schwert oder in Rüstung. Ich mag viel lieber die vielen Engelsgestalten, die dem Erzengel Michael zugeordnet werden, die Engel des Friedens. Sie haben nach traditioneller Lehre die Aufgabe, den Menschen vor dem Chaos zu bewahren. Ich mag die Seelsorgeengel: Sie sind mit uns in dem tiefen Dunkel einer Lebenskrise. Ich mag die "Menschenrechts-Engel", die Schutzengel, die Engel als Gefährten des Menschen in seiner Einsamkeit.


Rose Ausländer hat die Engel so besungen:

 

Der Engel in dir
freut sich über dein Licht
weint über deine Finsternis.
Aus seinen Flügeln rauschen Liebesworte
Gedichte, Liebkosungen.
Er bewacht
deinen Weg.
Lenk deinen Schritt
engelwärts.

 


Pfarrer Harald Wagner