Eröffnungsgottesdienst zur Friedensdekade 2018

Gottesdienst in Heiningen am 11. November 2018

Predigt von Pfarrer Hauff zu Hiob 14, 1-6

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext steht im Buch Hiob. Dieses Buch zählt zur sog. Jüdischen Weisheitsliteratur, wie etwa das Buch Prediger oder das Buch der Sprüche.

Das Buch Hiob – die Bedeutung seines Namens wäre mit „den man als Feind betrachtet“ wiederzugeben – das Buch Hiob beschäftigt sich ganz intensiv mit der Frage, wie und warum Gott Leiden zulässt, ob er es gar verursacht und Menschen gezielt Leiden zumutet oder ob er es teilnahmslos geschehen lässt. In der theologischen und philosophischen Tradition ist diese Frage als „Theodizee-Frage“ bekannt.

Im Hiob-Buch wird der Versuch unternommen, mit dem Bedrohlichen, dem von Ohnmacht und Unsicherheit geprägten Leben zurecht zu kommen, und ein Leben verneinendes Lebensgefühl in den richtigen Lebenszusammenhang einzuordnen.

Passt Gottes Gerechtigkeit zum Leiden Unschuldiger? Lässt sich Gottes Güte vereinbaren mit dem Zustand der Welt?

Im Buch Hiob wird ein Menschheitsproblem am Beispiel eines Menschen und seiner Familie verdeutlicht und als Frage an Gott formuliert.

Dabei spielen Ironie und Humor durchaus eine wichtige Rolle. Die Weisheitsliteratur hat ihre Wurzeln im gut beobachteten und reflektierten, gelebten Alltag, in Lebenserfahrung, Lebenspraxis und Lebenskunst.

Sie kennen vermutlich die Lebensgeschichte Hiobs –

Er ist fromm, untadelig und als Land- und Viehwirt äußerst erfolgreich, hat großen Besitz und dazu hat er eine große, fröhliche Familie, die gerne Feste feiert.

Gott im Himmel versammelt seine Engel um sich, darunter ist auch Satan, ja da ist er noch ein Engel. Gott fragt Satan, wo er herkomme und Satan antwortet, dass er auf der Erde hin- und hergewandert sei. Fragt Gott: Hast Du auch auf meinen Hiob geachtet? So fromm und ohne Tadel ist keiner auf der Welt. Meint Satan: Ist er das umsonst? Ich meine, Du verwöhnst ihn auch ganz schön. Was er anpackt gelingt ihm, er hat ein tolles Leben. Aber nimm ihm mal seinen Besitz weg, dann wirst Du schon sehen, wie er Dir untreu wird und Dich verflucht.

Gott lässt sich auf eine Art Wette mit Satan ein und lässt ihn mit Hiob machen was er will, nur umbringen darf der Satan den Hiob nicht.

Hiob verliert zuerst seinen ganzen Besitz und dann sterben alle seine Kinder. Zuletzt wird er selbst sehr krank und setzt sich in Asche. Es bleiben ihm nur seine Frau, die ihn aber eher verspottet und Freunde, die teils einfühlsam und teils belehrend auf sein Schicksal und seine Klage reagieren. Heute hören wir einen Teil von Hiobs Klage:

Ich lese Hiob 14, 1-6 nach der Guten Nachricht

1 Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.

2 Wie eine Blume blüht er und verwelkt,
so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.

3 Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen,
du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!

4 Du musst doch wissen, dass er unrein ist,
dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!

5 Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird,
auf Tag und Monat hast du es beschlossen.
Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens,
er kann und darf sie niemals überschreiten.

6 Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe
und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!

Der Theologe Jürgen Ebach sagt zu diesem Text, es gelte „Klage und Anklage nicht nur auszuhalten, sondern als eine von der Bibel selbst ins Recht gesetzte Reaktion auf die Erfahrungen des Lebens wahrzunehmen.“

Vielleicht erkennen Sie sich/erkennt Ihr Euch in dieser Situation auch wieder. Manchmal wird einem doch alles zu viel, nichts gelingt so, wie man es sich vorgestellt oder gewünscht hat, Beziehungen gehen in die Brüche, eine Prüfung verhauen, das Zeugnis schlecht, der Chef ist unzufrieden und nörgelt an einem herum, im Sportverein läuft’s gerade ganz schlecht - oder was auch immer.

Wenn ich dem einen oder anderen Geflüchteten aus Heiningen zuhöre, dann kommt mir auch Hiob in den Sinn – in der Heimat unerträgliche Zustände, unter Tränen sich zur Flucht entschlossen, unterwegs in die Hände von Menschenhändlern und Sklaventreibern gekommen, auf einem völlig überfüllten und unsicheren Schlauchboot nach Griechenland gelangt, unterwegs Freunde oder Familienangehörige verloren, jetzt hier, wenigstens ein Dach über dem Kopf, regelmäßig zu essen und bei Bedarf ärztliche Grundbehandlung. Aber die Narben des Abschieds von zu Hause und des Fluchtweges verheilen nicht, schlimme Erlebnisse wiederholen sich in Träumen, normales Leben ist noch weit.

Vorgestern habe ich mit meiner Familie einen Film über eine wahre Fluchtgeschichte von jüdischen Kindern im zweiten Weltkrieg angesehen. Die Kinder im Alter zwischen sechs und siebzehn Jahren fliehen von Frankreich zuerst nach Italien. Dort werden ihre Betreuer von deutschen Soldaten verhaftet, die Kinder fliehen auf sich gestellt weiter, werden selbst von deutschen Soldaten eingesperrt, können entkommen, flüchten sich auf einen einsamen Bauernhof, aber auch dorthin kommen die Soldaten, sie müssen weiter, aber wohin? Sie bekommen ein letztes Mal Hilfe und den Hinweis, dass sie in der Schweiz sicher seien und erreichen schließlich mit letzter Kraft und in allerletzter Sekunde die damals neutrale und sichere Schweiz – aber auch sie tragen die Angst und Ohnmachtsgefühle, seelische Verletzungen und Alpträume mit sich…

Ich denke bei diesem Text auch an unsere palästinensischen Geschwister vom YMCA, die fast täglich neues Leid erfahren, deren Kinder oft willkürlich inhaftiert werden, deren Land grundlos beschlagnahmt wird, deren Bewegungsfreiheit durch die riesige Mauer und durch Checkpoints eingeschränkt ist, die nicht selten misshandelt oder gar erschossen werden. Wie können sie weiterleben, woher Hoffnung nehmen? Der Bischof der lutherischen Kirche in Jerusalem sagte kürzlich: „Bisher haben wir von der Hoffnung gelebt (dass es einmal besser wird), aber die haben wir aufgegeben. Jetzt leben wir vom Vergessen.“

Drei Gedanken nehme ich aus unserem heutigen Predigttext mit:
1. Klage – und zwar die eigene wie auch die anderer Menschen – hat ihr gutes Recht. Ich darf klagen, gegenüber anderen Menschen und gegenüber Gott. Manchmal erleichtert das, wie ein Stoßseufzer.

Und versuche nicht, die Klage anderer „schön“ zu reden nach dem Motto: So schlimm ist es ja gar nicht…

2. Auch in beklagenswerten Situationen kann das Leben weitergehen, kann ich mich an Gutes und Schönes erinnern und habe das Recht mein Leben einzufordern wie Hiob es tut und mit ihm so viele Menschen auf unserer Welt.

3. Sorgen wir dafür, dass – soweit es uns möglich ist – Menschen nicht zu Opfern anderer Menschen werden. Dazu ein Zitat des israelisch-jüdischen Historikers Moshe Zuckermann zur Shoah/Holocaust:

„Mir ging es nie darum, dass irgendwelche Nachkommen das Geschehene authentisch erinnern. Diese Erwartung habe ich auch in Israel immer bekämpft. Mir geht es um etwas anderes: Erinnerungskultur ist für mich immer auch auf die Gegenwart und auf die Zukunft gerichtet. Erinnert werden müssen die Opfer im Stande ihres Opferseins, nämlich die Tatsache, dass Menschen andere Menschen - und zwar nicht nur Juden - zu Opfern gemacht haben. Was ist die Opfersituation, wie sind die Mechanismen beschaffen, die Menschen zu so etwas treiben, welches sind die dahinterliegenden ökonomischen und sozialen Strukturen? Wenn ich tatsächlich die Opfer so erinnere, dass ich deren Situation nachkonstruiere und das dann auch in eine andere gesellschaftliche Praxis umsetze, dann bin ich dem Vermächtnis der Opfer am nächsten. Ein solches transzendierendes Eingedenken zielt auf die Schaffung von Verhältnissen, die zukünftige Opfer zu vermeiden vermögen.“

Also es gilt Bedingungen zu schaffen die verhindern, dass Menschen zu Opfern anderer Menschen werden. Oder biblisch ausgedrückt: Im Tun der Tora, im Einsatz für Gerechtigkeit, in der Nachfolge Jesu der den Friedensstiftern die Seligkeit verspricht – darin und vermutlich nur darin liegt die Hoffnung.

Amen.